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Das reichsfreie Kloster

Stift in Alsleben gilt als Wahrzeichen des Christentums in einem von heidnischen Slawen seit der Zeit um 600 besiedelten Land.
VON BERNHARD GREMLER

Die erste urkundliche Erwähnung von Alsleben wird auf den 22. Oktober 973 datiert, Die Existenz des 0rtes wird in AIIstedt durch Kaiser Otto II. bei einem Gütertausch bestätigt. Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass es eine deutlich frühere Besiedlung gegeben hat.
Aus dem Jahr 979 gibt es zwei Urkunden über das neu gegründete Benediktinerinnen-Kloster. Die Geschichte:

Stiftskirche St. Johannis Baptist

Die Weihe des Stifts fand in der bereits vollendeten Stiftskirche statt, die auf dem Schlossberg, nunmehr auch Klosterberg, direkt über der Saale erbaut wurde. Das gewaltige Bauwerk orientierte sich im Baustil an der Stiftskirche zu Gernrode, der Grundriss im Kreuzesform ausgeführt, auf der Westseite mit zwei Türmen. In Alsleben wurden sie mit echteckigem Grundriss errichtet, die Schäfte mit einem mächtigen Westwerk verbunden. Das, Bauwerk insgesamt erhielt dadurch eine Zutat an Masse und Eindruck. Die Kirche war neben dem Täufer Johannis auch der Jungfrau Maria und den zwölf Aposteln geweiht. Das Kirchenbauwerk dominierte eindeutig das Landschaftspanorama bei Alsleben und wies wie ein Wahrzeichen des Christentums hinaus über das Ostufer der Saale in das von heidnischen S1awen seit der Zeit von etwa 600 besiedelte Land. Und das sollte dieses Monument wohl auch sein: Symbol für die Glaubensausbreitung, für Missionierung und Christianisierung.
Dieser Kirchenvollendung 979 liefen zweifelsfrei fünf bis sieben Jahre Bauzeit voraus. Setzt man sechs Jahre an, kommt man auf 973, das Todes des Kaiser Otto des Großen. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass dieser Kaiser durchaus ein Befürworter der Stiftsgründung in Alsleben gewesen ist. Dazu könnte der bekannte Gütertausch von 973 zwischen dem Kloster Fulda und dem Erzbistum Magdeburg, von Otto II. vollendet, von Otto dem Großen noch konzipiert, einen Beitrag geliefert haben. Alsleben, in den in Latein verfassten Urkunden noch als ,,ElsIevo/Elsleve" bezeichnet, wird darin erwähnt mit vielen Rechten und Besitz, darunter auch Weinpflanzungen und dies überhaupt erstmals an der Saale. Keine Abendmahlsfeier, kein Kloster, kein Mission ohne Wein!

Die Stifter-Familie

Als Stifter der klösterlichen Anlage in Alsleben und somit auch zweifelsfrei als Bauherr der Stiftskirche wurde Graf Gero erwähnt. Er war nach Meinung einiger Historiker ein Neffe des bekannten Markgrafen Gero, was andere bezweifeln und damit seine eigentliche Herkunft im Dunkeln belassen. Als Graf von Alsleben in jenen Jahren wurde er jedoch eindeutig benannt. Ihm zur Seite stand Adela als Gattin und Gräfin, die wie üblich auch das Amt der Äbtissin des Stiftes ausübte. Dem Grafenpaar stand Adeles Schwester Tetta zur Seite. Es ist nicht auszuschließen, dass die Schwestern, oder Graf Gero, aus jener Dynastenfamilie abstammen, die der hallesche Chronist Dreyhaupt 1749/1750 in seiner Chronik des Saal-Creyses mit eben auch der von Alsleben erwähnt. Er sagt darin aus, dass Alsleben schon zur Zeit Kaiser Karls des Großen eigene Herren besessen hat, die zu den zwölf vornehmsten in Sachsen gehörten. Graf Gero von Alsleben erscheint in der verfügbaren Überlieferung auch in der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, als überaus tatkräftiger, vorausschauender und vorwärtsstrebender ritterlicher Adliger. Der Sinn seiner Gründung, die von Papst und Kaiser gestützt und gewürdigt wurde, scheint gewesen sein, nicht nur christlich-sächsische Jungfrauen in klösterliche Obhut zu nehmen, sondern auch aus heidnisch-slawischen Fürstenfamilien auf freiwilliger Basis. Da Stiftsdamen bei entsprechender Gelegenheit die Einrichtung verlassen durften, um eine Ehe einzugehen, war dazu mit der Stiftsgründung eine humane Lage geschaffen worden, somit auch für menschlich-persönliches und familiäres Zusammenleben.

Der Tod des Grafen Gero

In Alsleben konnte sich das Grafenhaus nur eine sehr kurze Zeit dem Gefühl hingeben, etwas Großartiges erreicht zu haben. Im August 979 wurde Graf Gero des Verrates am Kaiser angeklagt. Als Kläger trat Waldo auf ein bekannter Günstling Otto II. Gero wurde verhaftet und bestritt gegenüber den Richtern jegliche Schuld. Da ordnete der Kaiser einen Zweikampf an zwischen Waldo und Gero als Gottesurteil. Am 13. August 979 fand das Treffen auf einer Insel bei Magdeburg statt. Anwesend waren Kaiser, Hofstaat und alle Großen des Reiches. Zunächst war Gero im Vorteil und traf seinen Gegner mehrfach am Nacken. Dann gelang Waldo ein so gewaltiger Schlag gegen Geros Kopf dass dieser kampfunfähig zu Boden sank. Waldo trat darauf aus dem Ring, ließ sich die Rüstung abnehmen und mit Wasser erfrischen. Doch er stürzte wie vom Blitz getroffen zu Boden und war auf der Stelle tot. Wem hatte Gott hier Überleben und damit Recht gegeben? Der Kaiser war so wütend über das unverhoffte Ende seines Getreuen, dass er Gero sofort enthaupten ließ und eine christliche Bestattung des Leichnams verweigerte. Das Grafenhaus in Alsleben, Gräfin Adela, Schwester Tetta, die Grafentochter  ebenfalls Adela mit Namen, baten den Kaiser kniefällig um eine christliche Grablegung und opferten einen großen Teil ihres Privatvermögens der Kirche. Doch erst als die Großen des Reiches mit dem Herzog von Bayern an der Spitze bei Otto II. vorstellig wurden, gab der Kaiser nach und Graf Gero von Alsleben wurde in seiner Stiftskirche bestattet. Bischof Thietmar schrieb dazu in seiner Chronik: ,,Dieser Zweikampf gefiel niemandem, außer dem Erzbischof Aethelbert, Herzog von Bayern sowie ... machten dem Kaiser bittre Vorwürfe, dass ein solcher Mann wie Gero, um eines so unbedeutenden Grundes willen verurteilt worden sei". Im Hintergrund stand als ,,Graue Eminenz" der Erzbischof von Magdeburg, für den vermutlich Graf Gero von Alsleben ein Emporkömmling war, der sich anmaßte, Reichsstifte zu gründen wie es eigentlich nur Herrscherhäusern bisher gestattet wurde. An den Privilegien, so von Kaiser und Papst verliehen, konnte er nichts ändern, wohl aber den Grafen zu Fall bringen durch fingierte Anklage. Gero besaß keine männlichen Nachkommen. War Grafschaft Alsleben ein erbliches Mannlehen, konnte es nach Geros Tod vom Kaiser eingezogen und anderweitig vergeben werden, am besten an das Erzbistum Magdeburg auf Kosten zweier toter Adliger.

Verrat des Grafen Gero

Späte Genugtuung für die Aslebener Adligen im Jahre 982 bei der Beisetzung der verstorbenen Abtissin Adela.
Worin der angebliche Verrat des Grafen Gero bestand, lässt sich nur als Möglichkeit darstellen. Heidnisch-slawische Kinder kamen eigentlich nur als Kriegsbeute oder Geiseln in sächsische Hände, also zwangsweise. Sie nahmen oder mussten das Christentum annehmen und gingen kaum wieder in ihre Heimat zurück. Graf Gero aber wollte, dass slawische Fürstentöchter freiwillig in sein Stift kamen. Dazu musste er, wie man heute sagen würde, eine Werbetour mit Werbegeschenken ins Slawenland machen, begleitet von Missionaren. Er könnte dabei auch einen Slawenfürsten aufgesucht haben mit bekannter feindseliger Einstellung zu Christen und Sachsen. Das konnte man wohlfeil als Verrat hinstellen. Was Bischof Thietmar und die meisten am Kaiserhof von solcherlei Intrigen hielten, wurde bereits aus des Bischofs Chronik zitiert.
Eine späte Genugtuung erfuhr das Grafenhaus in Alsleben im Jahre 982 bei der Beisetzung der  verstorbenen Grafenwitwe und Abtissin Adela. Man öffnete Geros Gruft in der Stiftskirche zu Alsleben und fand ihn völlig unversehrt vor, gleichermaßen an Körper und Kleidung. Dies galt im Mittelalter als Zeichen Gottes für Recht und Unschuld. Kaiser Otto II. erfuhr es nicht mehr. Er war nach Italien gezogen und sah seine nordische Heimat nie wieder.
Die Herrschaft der Ottonen ging 1002 mit dem viel zu frühen Tod des noch jungen Kaisers Otto III. zu Ende. Als deutscher König folgte Heinrich II, ebenfalls wie die Ottonen aus dem sächsischen Dynastie Geschlecht der Liudolfinger stammend. Heinrich II. wurde 1014 vom Papst rum römisch-deutschen Kaiser gekrönt. Schon am 22. März 1003 hatte er dem Reichsstift Alsleben alle Rechte und Privilegien in einem Schutzbrief bestätigt einschließlich der Gleichrangigkeit mit Gandersheim und Quedlinburg.

So vergeht der Ruhm der Welt

Die Erbin von Alsleben, Komtesse Adela, Abtissin im Reichsstift nach ihrer Mutter, heiratete um 994 den Grafensohn Siegfried von Stade. Beide begründeten das neue Grafengeschlecht Stade-Alsleben, das wenig später um Freckleben erweitert wurde. Siegfrieds Schwester Kunigunde von Stade heiratete den Grafen von Walbeck und wurde Mutter des Thietmar, der Bischof von Merseburg und Chronist wurde. Mächtige Grafenhäuser hielten also über 100 Jahre zusammen, bis 1128 die direkte Linie Stade-Alsleben mit dem kinderlosen Grafen Heinrich ausstarb. Den Territorialbesitz der Grafschaft konnte das Erzbistum Magdeburg nun doch als Zugang verbuchen und so die Konturen des alt-historischen Saal-Creyses bis zur  anhaltischen Grenze nach Norden erweitern. Zwei Jahre später schloss das Erzbistum mit König Lothar III., ab 1133 auch römisch-deutscher Kaiser, einen Tausch ab (eher wohl einen ,,Deal"). Der König erhielt ein Schloss am Harz und der Erzbischof dafür das Reichsstift Alsleben.
Er verwandelte es abwertend in ein Mediat-Nonnenkloster. Daraus wurde dann 1441 ein Stift für Magdeburger Domherren. Die Stiftskirche erhielt dadurch die namentliche Ergänzung zur ,,Domkirche" und der Pfarrer zum ,,Domprediger". Ab 1467 wurde das Haus von Krosigk von den Magdeburger Erzbischöfen mit bedeutenden Belehnungen über Schloss, Stadt und (Rest)Grafschaft Alsleben bedacht.
Nachdem es Lorenz von Krosigk (gest. 1534) gelungen war, seine Herrschaft auf 24 Orte wiederum einer Grafschaft gleich auszudehnen und er sich im Bewusstsein seiner Macht ,,Ritter auf Alsleben" nannte, vergaben seine Nachfolger durch endlose Erbteilungen Besitz und Einfluss. Im Jahre 1747 sah sich die Stammlinie Alsleben gezwungen, den verbliebenen Besitz an den Fürsten von Anhalt-Dessau zu verkaufen mit Schloss sowie Dom- und Stiftskirche. Diese Kirche war unter dem Haus von Krosigk natürlich zur Hauptkirche gemacht worden. Nun diente sie nur noch der kleinen Gemeinde um Schloss und Rittergut. Das Bauwerk wurde in dramatischer Weise vernachlässigt, unterstützt durch die von Preußen geführten Schlesischen Kriege. 1782 beschloss man die Aufgabe des Gebäudes. Es zerfiel zur Ruine und wurde 1854 abgerissen, ohne Spuren zu hinterlassen.
Die Kunstwerke und Wertgegenstände verschwanden wohl schon nach 1782 in zumeist dubiosen Kanälen, so dass Nachweise über den Verbleib selten sind. Das Wenige, das erhalten blieb, ist schnell genannt. Die einst berühmte Bibliothek des Hauses von Krosigk kam nach Dessau. Der frühromanische Taufstein und ein Tympanon (Türbogenrelief) sind in der Stiftskirche von Gernrode zu sehen. Die wertvollsten Grabmonumente von Krosigkschen Epitaphen kamen an das Mausoleum zu Schloss Poplitz, von wo sie ab 1945 unauffindbar abhandenkamen. Stelen von Abtissinnengräbern konnte man um 1980 am Schloss Alsleben noch sehen. Die alten Römer fanden für derartige Entwicklungen ein treffliches Wort: ,,Sic transit gloria mundi / So vergeht der Ruhm der Welt".

Weinbau an der Saale

In der erwähnten Urkunde über den Gütertausch von 973 werden unter den Besitzständen auch „Vineis - Weinpflanzungen" erwähnt.

Der einzige Ort von den zwölf genannten, der an der Saale liegt, ist Alsleben. Damit könnten sich die Stadt Alsleben und das Landschaftsgebiet von Bernburg mit der Ehre schmücken, am Beginn des saalischen Weinbaus gestanden zu haben. Für Messwein (Heiliges Abendmahl), Klosterwein (Standardgetränk) und Missionswein (Heidenbekehrung) war Weinanbau vor Ort die sicherste Beschaffungsmethode. Auch die untere Saale bot (und bietet noch) auf den Talrandhöhen und Uferbergen hinreichend weinbauträchtige Hanglagen mit Südneigung. Alsleben selbst besaß drei größere Weinlagen mit dem ,,Wischkenberg" im Norden, mit den ,,Weinbergen über den langen Werder" südlich des Kringels und mit den Weinpflanzungen ,,Am Wiesenbach" im Westen nahe Schackstedt. Welchen Wert Saalewein aus der heimischen Region im Mittelalter besaß, zeigt folgende Überlieferung aus dem Jahre 1180: Der Erzbischof von Magdeburg schenkte dem Propst von Seeburg einen Weinberg bei Alsleben an der Saale. Auch für die Wertschätzung des Weinbaus hatten die alten Römer einen Sinnspruch parat, wie könnte es anders sein: „In Vineis Vita" - in der Weinrebe ist das Leben.

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Erstellt: 22.04.2016
Geändert: 22.04.2016
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